"Ich trinke keinen Alkohol, seit ich Gesundheitsministerin bin"

Interview mit Martine Deprez im Luxemburger Wort

Interview: Luxemburger Wort (Mike Stebens)

Luxemburger Wort: Martine Deprez, aktuell finden die traditionellen Neujahrsempfänge statt. Das ist nicht gerade ideal, wenn gleichzeitig eine Kampagne zum Alkoholverzicht aufruft. Wie wird der Neujahrsumtrunk im Gesundheitsministerium gehandhabt?

Martine Deprez: Seit ich wusste, dass ich Gesundheitsministerin werden würde, war es für mich selbstverständlich, keinen Alkohol mehr zu trinken. Ich habe ohnehin nie viel getrunken, gelegentlich alle zwei Monate ein Glas Wein. Für mich war klar, dass ich in der Öffentlichkeit dafür einstehen würde, dass Alkohol ein Thema ist, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Intern habe ich beschlossen, dass auf unserem Neujahrsumtrunk im Ministerium nur alkoholfreies Bier und alkoholfreier Crémant gereicht werden.

Luxemburger Wort: Daran störte sich niemand?

Martine Deprez: Am Anfang war es vielleicht ein wenig komisch, weil manche meinten, dann würde niemand lange bleiben. Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums haben aber auch eine Vorbildfunktion.

Luxemburger Wort: In den anderen Ministerien ist es wohl eher nicht üblich, dass dort kein Alkohol ausgeschenkt wird.

Martine Deprez: Ich weiß nicht, wie es in anderen Ministerien gehandhabt wird. Außerdem habe ich die Entscheidung bisher nicht auf Regierungsniveau durchdiskutiert. Da ich für die öffentliche Gesundheit verantwortlich bin, habe ich dies im Gesundheitsministerium durchgezogen. Die anderen Ministerien treffen die Entscheidungen, die sie als richtig empfinden. Es wird niemandem verboten, Alkohol zu trinken.

Luxemburger Wort: Wenn es nicht um ein Verbot geht, was ist dann das Ziel?

Martine Deprez: Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie normal der Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft ist und wie viel man selbst trinkt. Freundinnen und Freunde von mir haben angefangen, aufzuschreiben, was sie im Alltag trinken, und das ergibt schnell eine gewisse Quantität. Wenn ich abends bei Freunden eingeladen bin, achte ich manchmal darauf, wie viele leere Flaschen anschließend in der Küche stehen. Viele Menschen merken nicht, wie viel sie an einem Abend trinken.

Luxemburger Wort: Die Horesca hat sich am Dry January gestört und auch die Privatwinzer kritisieren die Initiative bei RTL. Es werden finanzielle Einbußen befürchtet. Wenn das Gesundheitsministerium es schaffen würde, die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass ihr Alkoholkonsum zu hoch ist, hätten Horesca und Winzer nicht nur im Januar ein Problem. Müssen sie sich vielleicht darauf ein stellen, Ihr Geschäftsmodell anzupassen?

Martine Deprez: Das ist für jeden so, der wirtschaftlich aktiv ist. Dasselbe gilt für Kampagnen, die zu einem geringeren Zuckerkonsum aufrufen - auch diese Produzenten könnten sich angegriffen fühlen. Wir wollen die Bürger ermutigen, auf ihre Gesundheit zu achten. Man soll respektieren, wenn jemand keinen Alkohol trinken möchte. Das Rauchen in öffentlichen Räumen ist verboten. Das Trinken soll nicht verboten werden. Es muss aber normal sein, dass jemand keinen Alkohol trinkt.

Luxemburger Wort: Inwiefern ist die Befürchtung der Horesca nachvollziehbar, der "trockene Januar" könnte den Alkoholverkauf beeinträchtigen? Wenn die Tabakindustrie ähnlich argumentiert, schütteln viele den Kopf.

Martine Deprez: Wir sind uns nicht bewusst, wie normal Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft ist. Zigarettenrauch stört andere Menschen direkt, Alkohol weniger offensichtlich. Würde jeder verantwortlich mit Alkohol umgehen, wäre das Problem nicht dramatisch groß. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ist Luxemburg jedoch Spitzenreiter beim Prozentsatz der Menschen, die wirklich viel Alkohol konsumieren.

Luxemburger Wort: Überrascht Sie die Reaktion von Horesca und Privatwinzern auf den ersten von der Regierung unterstützten Dry January?

Martine Deprez: Es hat mich ein wenig erstaunt. Auch, weil der Dry January bereits zuvor von der Fondation Cancer und anderen unterstützt wurde und nur national gesehen weniger sichtbar war.

Luxemburger Wort: Wie reagieren Sie auf die Kritik?

Martine Deprez: Zufälligerweise werde ich in dieser Woche ohnehin eine Unterredung mit Vertretern des Horeca-Sektors haben. (Das Gespräch mit dem LW wurde am Donnerstagnachmittag geführt, Anm. d. Red.) Dann kann ich mit ihnen vielleicht etwas kontroverser diskutieren und klarstellen, dass es sich nicht um eine Initiative gegen jemanden handelt. Sondern für all jene, die eine andere Beziehung zum Alkohol entwickeln wollen und sich wünschen, dass in Cafés und Restaurants Alternativen an geboten werden, und nicht bloß Wasser.

Luxemburger Wort: Der Staat unterstützt den Weintourismus. Ist das nicht widersprüchlich?

Martine Deprez: Das ist ein ähnlicher Widerspruch wie der, dass es ein Antitabakgesetz gibt, der Staat aber dennoch viel Geld durch den Verkauf von Tabak einnimmt. In dieser Hinsicht spielt jeder Minister seine Rolle.

Luxemburger Wort: Wird es auch im kommenden Jahr einen Dry January geben?

Martine Deprez: Ja, dieser wird künftig jedes Jahr im Januar starten.

Luxemburger Wort: Im Vereinigten Königreich gibt es zusätzlich den "Sober Spring" zwischen dem 20. März und dem 20. Juni, für jene, die den Januar durchhalten, dann aber wieder in alte Muster zurückfallen. Auch eine Idee für Luxemburg?

Martine Deprez: Davon habe ich noch nichts gehört. So könnte man im März überlegen, ob man etwas an seinem Alkoholkonsum geändert hat. Falls man wieder in alte Gewohnheiten verfallen ist, könnte man vielleicht noch einmal eine Aktion starten. Das könnte eine Überlegung wert sein, eine solche Entscheidung haben wir aber noch nicht getroffen. In dieser Hinsicht sind wir noch ein wenig hinter den Briten. Zunächst wollen wir diesen Dry January evaluieren. Dann stellen wir uns für das nächste Jahr auf.